Übermut tut selten gut

Die erste Laufwoche des Trainingsplans sollte mit einem langen Lauf über 22km abgeschlossen werden. Im Gegensatz zu den restlichen Läufen dieser Woche war dies endlich mal kein schneller Lauf. Es ging lediglich darum, 22km mit Puls 122-139 zu laufen. 22km sah ich dabei nicht als die große Herausforderung, da ich nun schon mehrfach 20km mit höherem Puls gelaufen bin. Das Einhalten des Pulses bis 139 Schlägen war schon schwieriger. Allerdings war das eher eine Frage von Disziplin als von körperlicher Anstrengung. Und daran sollte ich dann auch später scheitern…
Für diesen Lauf hatte ich mir zwei Routen überlegt. Eine sollte recht stupide den Neckar entlang Richtung Heidelberg-Wieblingen gehen und dann nach 11km zurück. Die andere, weitaus reizvollere Route, war eine leicht modifizierte Strecke des Halbmarathons. Nachteil: Die verlief ziemlich komplett in den Bergen. Dass ich dabei den Vorgabepuls von 139 kaum halten kann, war mir klar. Aber es war so reizvoll…
Im Gegensatz zum letzten Lauf ließ mich das Wetter heute im Trockenen laufen. Leider war es ein wenig kühler, wogegen ich mich aber mit einer zusätzlichen Schicht Klamotten zu wehren wusste. Am Anfang ging es kurz Richtung Neckargemünd, um dann aber schon bei der Schleuse über den Neckar und dann Richtung Heidelberg zu laufen. Nach wenigen Kilometern kam dann die Stelle, an der ich mich entweder für den langweiligen Weg am Neckar entlang oder den reizvolleren Weg die Berge hoch entscheiden musste. Das is schon so ne Sache mit der Selbstdisziplin… Die Steigung am Wolfsbrunnenweg scheint mir steiler geworden zu sein seit dem Halbmarathon letztes Jahr. Und wie befürchtet ham sie in der Zwischenzeit den Stand mit dem Freibier abgebaut :-(. Dafür hatte ich hier aber die absolute Läuferruhe, kaum eine Seele unterwegs. Irgendwann kam das Schloss ins Blickfeld und ich genoß den Ausblick über Heidelberg. Unten in der Altstadt wühlte ich ein paar Touris auf und überquerte die gut gefüllte Alte Brücke, von wo aus ich einen Blick auf den Neckar hatte, der in der Nacht über die Ufer getreten war. Auf der anderen Uferseite war ebenfalls reger Touri- und Joggerverkehr und so freute ich mich, als ich endlich an den Fuß des Philosophenweges kam. Aber auch hier war (oh Wunder) am Sonntag Rushhour angesagt. Beim Hochlaufen wurde mir schlagartig klar, wieso unten am Fluss so viele junge Leute joggen: Die älteren Menschen laufen alle den Philosophenweg hoch und runter! Ich war erstaunt, generell so viele Läufer da oben anzutreffen aber noch überraschter, dass es fast ausschließlich die gehobenere Altersklasse ist.
Je weiter ich nach oben kam, desto weniger Leute traf ich an und desto mehr spürte ich auch meine Beine. An und für sich ok, dachte ich. Ich bin ja auch schon mehr als ne Stunde gelaufen. Allerdings waren bis hierher erst knapp 12 von 22km gelaufen, es stand also noch ein gutes Stück Arbeit vor mir. Und wieder kam die Frage der letzten Läufe in meinem Kopf hoch: „Wie soll ich das eigentlich schaffen?“, nur dieses Mal spürte ich eine Zuversicht in mir, dass es gehen würde. Das kam wahrscheinlich daher, dass ich die generelle Meinung vertrete, dass man fast immer laufen kann, egal wie k.o. man ist. Das ist dann nicht unbedingt schnell, aber man kommt voran. Und so war ich recht zuversichtlich, diesen Lauf zuende bringen zu können.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der höchste Punkt der Strecke und es ging wieder bergab. Was aber erst einmal recht angenehm klingt, war so schön dann doch nicht. Eine müde Muskulatur ist nicht gerade begeistert, wenn sie einen menschlichen Körper daran hindern soll, beim Abwärtslaufen nicht zu schnell zu werden. Folge: Die Oberschenkel brannten lichterloh. Zum Glück hielt dieser Brand aber nicht lang an, ich erreichte nämlich das Kloster Stift Neuburg. Hier hatte ich die verführerische Möglichkeit, weiter runter zum Neckar und dann an ebendiesem zurück nach Ziegelhausen zu laufen. Mein blöder Ehrgeiz (den ich nächstes Mal zu Hause lasse) lenkte aber links ein und es ging wieder hoch in Richtung Köpfel, wofür er von beiden Oberschenkeln den Mittelfinger kassierte. Oben angekommen überkam mich der Ansatz von Freude: Keine Steigung mehr bergauf laufen in diesem Lauf! Ab hier ging es nur noch bergab, was aber bei genauerer Betrachtung des Zustands meiner Oberschenkel nicht wirklich Grund zur Freude war. Aber egal, da wollte ich nun durch. Um mich abzulenken beim Runterlaufen fing ich wieder meine Rechenspielchen an: „Um auf 22km zu kommen, muss ich, wenn ich unten bin, noch einmal über die Brücke Richtung Orthopädie, dann nochmal…“. Wenn man seine eigene Schmerzgrenze schon lange überschritten hat und die Oberschenkel schon so schmerzbetäubt sind, dass sie „Vetorecht“ nicht mal mehr buchstabieren geschweige denn schreien können, fallen einem solche Rechenspielchen recht leicht und man ist geneigt zu überlegen, nochmal schnell nach Neckargemünd zu laufen und die Distanz auf 25km hochzuschrauben… An dieser Stelle danke an den letzten Funken Vernunft, der zu diesem Zeitpunkt die Fahne der Zurechnungsfähigkeit in mir hochhielt. Nach einigem Hin- und Hergespringe über den Neckar erreichte ich schließlich nach 2:23 die 22km-Marke und ich wanderte mehr k.o. als glücklich nach Hause.
Jetzt, einen Tag später betrachtet, war das Laufen der Halbmarathonstrecke vielleicht nicht die beste Idee, denn ich lag heut mit Kopf- und Halsschmerzen sowie leicht erhöhter Temperatur zu Hause im Bett. Aber ich denke nicht, dass es von der Streckenführung kam sondern eher vom Freitaglauf bei Regen, der in mir eine Erkältung züchtete, die ich Sonntagmorgen noch nicht spürte, die dann aber durch die Belastung beim Laufen wuchs und gedieh. Abseits dessen war es aber ein schöner Lauf, weil es auf der Strecke größtenteils ruhig war und die Steigungen eine echte Herausforderung darstellten. Aber als Teil des Trainingsplans war die Strecke dann doch nicht geeignet.

4. Lauf Langer Lauf

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