Im Rausche der Geschwindigkeit

3. Lauf lockerer Dauerlauf

Die Arbeitswoche ist rum und der dritte Lauf meiner Trainingsplanes steht an. Auf dem Programm steht 60min lockerer Dauerlauf mit drei Steigerungsläufen im Anschluss.
Dazu vorweg eine kleiner Kommentar von mir: Ich weiß ja nicht, ob die Macher des Trainingsplans bei der Nomenklatur dem Praktikanten die Chance geben wollten, sich kreativ auszutoben. Auf jeden Fall kann ich mir nicht erklären, wieso diese Kasperbacke diesen Lauf „lockerer Dauerlauf“ getauft hat. LOCKERER DAUERLAUF! Dauerlauf ja, wenn man es denn überhaupt schafft. „Lockerer Dauerlauf mit erzwungenen Unterbrechungen, weil die Lunge schon lange ausgestiegen ist und die Beine einem ’nen Vogel zeigen würden, wenn sie könnten (scheitert am nicht vorhandenen Zeigefinger)“ wäre die passendere Bezeichnung. Und was daran dann noch locker sein soll, sehe ich auch nicht wirklich. Das kann man mal locker vergessen! Soviel dazu…
Nun zurück zum sachlichen Teil: Ich hatte bei meinem ersten Lauf ja fälschlicherweise angenommen, dass ich bei einem lockeren Dauerlauf meinen Puls bis ca. 155 hochtreiben sollte, was ja auch gut klappte. Der Laktattest am Dienstag zeigte nun aber auf, dass der Bereich für den lockeren Dauerlauf erst bei 155 anfängt und sich bis 163 erstreckt. Daher auch meine leichte Verwirrung um den Begriff „locker“ im Namen des Laufes. Ich für meinen Teil laufe auf jeden Fall nicht locker eine Stunde lang mit Puls 160. Das wusste ich vorher schon und nun habe ich auch den Beweis.
Aber der Reihe nach: Das Wetter meinte es gut mit mir und stellte mir Regen eine sehr gute Kühlung zur Verfügung. Ich entschied mich dieses Mal für etwas total verrücktes, nämlich nicht Richtung Heidelberg sondern Richtung Neckargemünd zu laufen, dort den Neckar zu überqueren, dann nach Heidelberg dem Fluss folgend und Höhe Karlstor wieder über den Neckar und ab nach Hause (revolutionär, wa?). Sollte mit Ach und Krach passen für nen 60min-Lauf bei höherer Geschwindigkeit. Der Streckenlauf spielte mir hier in sofern nicht in die Karten, als dass ich kurz nach dem Einlaufen und Erreichen des SOLL-Pulses eine leichte Bergab-Passage nach Neckargemünd rein erreichte. Versucht mal, bergab den Puls hochzuhalten, ohne gleich zu sprinten! Klappte aber irgendwie bei einem ziemlich coolen Geschwindigkeitsgefühl :-). Rüber über den Neckar und den Fluss lang Richtung Heidelberg. Ich war gerade erst 8min mit SOLL-Puls gelaufen und fragte mich jetzt schon, wie ich das durchhalten sollte. Ich hatte eine Geschwindigkeit von knapp über 5:00min/km (=12km/h), die sich in der Folge noch erhöhen sollte. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt bereits sicher, dass ich das nicht 60min lang werde durchhalten können und fing an, mir zu überlegen, ob ich die Strecke verkürze, nachdem ich irgendwann abbrechen würde oder ob ich die Route beibehalte und nur die Geschwindigkeit drossle. Derweilen lief ich weiter und kämpfte mich von Kilometer zu Kilometer bzw. von 10min-Block zu 10min-Block. Irgendwann kam eine kritische Stelle, die Ziegelhäuser Brücke. Kritisch, weil ich hier nach bereits beachtlichen 8km (6km davon schnell) bzw. 41min (30min davon schnell) nicht abgeneigt war, über die Brücke direkt nach Hause zu laufen. Aber irgendein Rindvieh in mir ließ mich weiterlaufen, „wenigstens ein Stück noch“. Die nächste Überquerungsmöglichkeit, die Brücke am Karlstor, schien hier noch endlos weit weg, aber ich versuchte, noch ein wenig weiterzulaufen. Nach ner gefühlten Ewigkeit (andere sprechen von 18min) erreichte ich die Brücke, ein psychologischer Meilenstein! Von hier an geht’s nach Hause, von hier an kenne ich die Strecke von zig anderen Läufen und kann sie gut einschätzen. Im Kopf fing ich schon an, auszurechnen, wo ich nach 60min sein werde, ob die Distanz ausreicht oder ich an meiner Wohnung vorbeilaufen muss. Aber es sah gut aus. Solche Rechenspielchen lenken immer sehr effektiv ab. Beim Überqueren der Brücke merkte meine rechte Wade an, dass sie – wenn gewünscht – jetzt bereit wäre zu krampfen. Ich konnte es ihr zum Glück noch ausreden, verabschiedete mich aber zeitgleich von den geplanten drei Steigerungsläufen am Ende der 60min. Die Aussicht an dieser Stelle, dass ich nur noch 11min zu laufen hätte, beflügelten mich jedoch und ich konnte weiterhin (was ich schon seit einigen Minuten für nen Traum hielt) die Geschwindigkeit von ca. 4:50min/km halten. Die restliche Zeit war dann nur noch ein runterbeten der Minuten und herbeisehnen des Endes. Noch nie habe ich mich so sehr darauf gefreut, einfach nur locker zu traben und mit jedem Schritt freute ich mich mehr auf den langen Lauf am Sonntag, bei dem hohe Geschwindigkeit keine Rolle spielen wird.
Dann, nach 14,3km (12,4km davon schnell), waren die 60min endlich geschafft. Ich gebe zu, ich war ein wenig stolz auf mich und ein ziemlich überrascht von mir, dass ich diese Leistung, die ich anfangs für undenkbar hielt, vollbracht habe. Es war definitiv ein Lauf, der mir einiges abverlangt hat und ich glaube, mit solch einem Geschwindigkeitsdruck bin ich noch nie gelaufen. Der Regen sorgte am Ende dafür, dass ich keine trockene Faser mehr an meinem Körper hatte, alles war durchnässt. Das ist im Lauf eigentlich kein Problem, wird aber beim Auslaufen schnell unangenehm und ich hoffe, ich bin dabei nicht zu sehr runtergekühlt.
Ich tank jetzt ein Weizen alkoholfrei und sinniere nochmal über das Wort „locker“…

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