Tu Gutes und rede drüber

Unter dem Motto möchte ich euch mal nicht vom Fotografieren oder Laufen erzählen, sondern von meinem heutigen Arbeitstag bei der Mannheimer Tafel. Mein Arbeitsgeber, die euro engineering AG (die Schleichwerbung sei an dieser Stelle für die tolle Aktion erlaubt), hat zu Weihnachten 2011 der Tafel eine Spende überreicht und bei der Gelegenheit die Mitarbeiter aufgefordert, einen Arbeitstag bei der Tafel mitzuarbeiten, wofür sie vom Arbeitgeber freigestellt wurden. Leider, so muss man sagen, kamen dieser Bitte lediglich ca. 16 Mitarbeiter nach (schwache Leistung bei über 100 Kollegen). Ich zögerte damals nicht wirklich lang und sagte zu.
Mit Spannung fuhr ich heute Morgen nach Mannheim in die Neckarstadt, um um 8 Uhr am Laden zu sein. Nach der Erklärung des Ladens, des Prinzips, der Aufgaben etc. war die erste Aufgabe, Lebensmittel vom Vortag, welches nicht mehr genießbar war, zu entsorgen. Im Grunde genommen traurig zu sehen, wie viele Lebensmittel, die selbst in zweiter Hand keinen Abnehmer mehr finden, entsorgt werden müssen. Danach hieß es warten auf die Lieferung der neuen Lebensmittel. Vor dem Eingang bildete sich bereits eine Ansammlung von Kunden.
Als die Lieferung eintraf, rotierten die mittlerweile knapp 8 Mitarbeiter und verstauten die Lebensmittel in den Regalen. Von Gemüse über Konservendosen, gekühlten Lebensmittel bis hin zu Backwaren war das Sortiment breit gefächert. Ich hatte zusammen mit meinem Kollegen von euro engineering den Verkauf der Backwaren unter mir. Nachdem wir in bester Ingenieursmanier doe Brote, Brötchen, süßen Teilchen und Baguettes sortiert hatten, wurde auch schon die Tür geöffnet und die Kunden strömten in den Laden. Eintreten durfte man allerdings nur, wenn der Laden nicht überfüllt war und man einen Nachweis für geringes Einkommen hatte.

Der Tag an sich verlief ruhig. Die Leute rissen uns die Ware nicht gerade aus den Regalen, aber menschenleer war der Verkaufsraum auch zu keiner Zeit (dafür wuselten auch zu viele ehrenamtliche und hauptamtliche Helfer rum). Das Klientel hatte – Vorurteile hin oder her – zumeist einen Migrationshintergrund und nicht selten nur rudimentäre Deutschkenntnisse. Nach einiger Zeit hörte man sich aber rein und wusste bei Aussagen wie „noch“, dass damit eigentlich „noch ein Brötchen mehr“ gemeint ist. Ungeachtet dessen war die Atmosphäre im Laden sowohl bei den Kollegen als auch bei den Kunden freundlich. Die Kunden zeigten sich dankbar, speziell wenn man noch ein Brötchen und noch ein Brötchen und noch ein Baguette und noch ein Brötchen und… in die Tüten packte.
Was ich aber nicht vergessen werde: Im Laufe des Nachmittags kam eine junge Dame mit ihrer Tochter in den Laden. Sie mag ein wenig jünger als ich gewesen sein, gutaussehend und ansprechend gekleidet und lief ruhig durch den Laden, bis ihr Weg sie schließlich an unsere Backwarentheke führte. Aber anstatt eines Fingers, der ausgestreckt auf das gewünschte Brötchen oder Brot zeigte, hörte ich ein freundliches „ich bekomme bitte drei Brötchen mit Salz und Kümmel“!!! Hätte ich nicht aufgepasst, wäre mir der Unterkiefer direkt durch den Boden geschossen. Vielleicht war ich durch das viele Fingerzeigen und „noch“ Gerufe des bisherigen Tages ein wenig verblendet und vielleicht kann ich mich auch nicht ganz freisprechen von Vorurteilen, was den Zusammenhang zwischen Armut und sprachlicher Kompetenz angeht. Aber mit solch einer Ansprache hab ich nicht wirklich gerechnet. Auch der liebevoll gesprochene Satz in Richtung ihrer Tochter „was möchtest du denn gerne haben, mein Schatz“ passte überhaupt nicht in das Bild. Diese Begegnung ließ mich im Nachhinein nachdenken, wieso Leute in Armut geraten können und wie sie damit umgehen. 

Was ist nun mein Resüme des Tages?
Ein solcher Tag ist auch jeden Fall nicht verkehrt, keine verschwendete Zeit und lehrt einem nicht zuletzt Dankbarkeit ob der eigenen Situation. Ich habe mich aber auch im Laufe des Tages gefragt, wie schnell und wodurch bedingt ich persönlich in solch eine Situation kommen könnte, dass ich Kunde bei einer Tafel bin.
Neben dem ganzen positiven Gerede und Denkanstöße setzen, möchte ich aber auch erwähnen, dass es nicht nur die dankbaren von Armut betroffenen Kunden gab. Ich möchte niemanden vorverurteilen, dessen persönliche Situation ich nicht kenne und nicht einschätzen kann. Aber es verwundert einen zumindest, wenn eine junge Dame, schick gekleidet und mit hochhackigen Schuhen, oder ein junger Mann, ebenfalls schick gekleidet und mit Ohrstöpseln (hängt da etwa am anderen Ende ein iPhone?), in den Laden kommt. Auch wundert man sich, wieso Kunden 20 Brötchen kaufen. Nicht vergessen werde ich auch die Situation, als eine Frau 10 Brötchen haben wollte. Ihr Mann, der neben ihr stand und ne Minute zuvor ebenfalls 10 Brötchen genommen hatte, wies sie drauf hin, dass er bereits die gewünschten Brötchen geholt hat. Ein Blick der Frau in die Tüte zeigte ihr aber, dass es die falschen Brötchen waren. Also holte sie noch einmal neue. Ham sie halt 10 Brötchen zuviel… Es lässt sich sicher nicht bestreiten, dass die Einrichtungen der Tafel nicht nur ge- sondern auch missbraucht werden. Aber ich denke, man sollte nicht sein Augenmerk auf die wenigen legen, die das Angebot missbrauchen, sondern auf die vielen, die es gebrauchen, weil sie darauf angewiesen sind, es ihre finanzielle Situation ein klein wenig entspannt und es nicht zuletzt auch dafür sorgt, dass die Menschen sich mit wichtigen Lebensmitteln wie Obst und Gemüse versorgen können. Und wie ich vom Morgen bereits berichtet hatte: Es werden auch hier Lebensmittel entsorgt, es ist also genug vorhanden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: