Ich beim Zahnklempner

Rückblick:

1986, irgendwo in Hamburg-Billstedt (Stadtteil mit erhöhtem Migrationsanteil und erhöhtem Anteil an schlechten Zahnärzten, einer war meiner).
In einem Wartezimmer warten gefühlte 20 Leute auf ihren Arzttermin. Die Luft ist gefüllt mit allen Düften, die die menschliche Nase mit „Zahnarzt“ assoziiert, man hört das Kreischen des Zahnarztbohrers, gepaart mit dem Kreischen von Kindern, die selbigen gerade genießen dürfen. Eins dieser Kinder bin ich. Genauer gesagt bin ich eins dieser Kinder, bei denen der Bohrer noch weh tut, wenn er schon lange nicht mehr in der Hand der Ärztin ruht, weil die mittlerweile damit beschäftigt ist, massig Amalgam in den Zahn zu schütten. Geschrien wird trotzdem noch wie am Spieß. Is ja auch kein Wunder. Welches Kind mag schon eine Behandlung mit dem Bohrer, wenn die Behandlung mit der Betäubungsspritze vorher ausblieb? Solche Erlebnisse sorgten dafür, dass ich bei den folgenden Besuchen zuerst die ganze Praxis zusammenschrieh, mich danach auf den Boden schmiss und erst dann unter schärfstem Protest den Stuhl besetzte. Im Nachhinein betrachtet war ich wohl der Grund für eine nicht unerhebliche Zahl an verspäteten Arztterminen und verängstigten Kindern.

2012, irgendwo in Heidelberg-Ziegelhausen.
Ich betrete die Praxis des Zahnarztes meiner Freundin. Nach ewig langem Schwärmen hatte sie mich soweit, dass ich mir – nach einigen Jahren Pause – einen Zahnarzttermin geholt hatte. Nach einigen Kommentaren zu meinen Zähnen („Ihr Verhalten bezüglich regelmäßiger Zahnarzttermine ist kamikaziös“) und der Information, dass sogar meine Eltern sich in der Zwischenzeit einen Zahnarzttermin geholt hatte, keimte in mir die Erkenntnis, dass es langsam mal wieder Zeit wäre. So stand ich nun also hier im Eingangsbereich der Praxis, die ähnlich herzlich eingerichtet ist wie die vor 26 Jahren. Das Warten im Wartezimmer brachte aber schon den ersten Unterschied: Ich war alleine. An der Garderobe hingen zwei Jacken, die sich nicht um mich scherten. Wenn man genau horchte, hörte man – nichts. Kein Kreischen des Bohrers, kein Kreischen von Kindern – nichts. Wird hier überhaupt gearbeitet?
Ich wurde ins Behandlungszimmer gebeten. Mund auf, reingeschaut, Auswahl an Füllung getroffen, und ab die Post. „Spüren Sie das?“ Der Arzt hatte mir irgendwas an den Zahn gesprüht, der daraufhin tatsächlich zu schmerzen anfing (ich habs doch gewusst, dass das wehtut!). „Butangas, welches beim Verdampfen sehr tiefe Temperaturen erzeugt und damit nachweist, dass der Zahn noch lebt“. Na, wenigstens etwas… Dann kamen die Spritzen an die Reihe. Zumindest glaube ich das, denn gespürt habe ich sie nicht. Ich konnte also nur vertrauen, dass sie gesetzt wurden. Und dann die Mutter aller Folterinstrumente: Der Bohrer. Mein Kiefer vibrierte, der Kopf wurde nach links und rechts gedrückt, es spritze, es zischte und kreischte – nur schmerzen tat es nicht. Ich traute dem Frieden noch nicht und wartete leicht angespannt (leicht untertrieben) auf den Schmerz, aber er blieb aus. Diese Betäubung machte offensichtlich ’nen verdammt guten Job. Irgendwann lag ich da und dachte mir „Bohr doch, bohr doch, mich kriegste nicht klein, ich bin betäubt, ätsch!“
Ehe ich mich mit dem Gedanken, dass ein Zahnarztbesuch vielleicht doch nicht so schlimm ist, anfreunden konnte, war ich auch schon fertig. Auf die Frage hin, wie es war, konnte ich der Arzthelferin nur antworten, dass ich ein wenig enttäuscht bin, weil ich eigentlich erwartet hatte, dass der Arzt mir wenigstens ein paar Rechtfertigungen liefern würde, wieso ich den Besuch so lange aufgeschoben hatte. War aber nicht drin, dafür war es zu harmlos.

P.S.: Kleiner Tipp: Wenn man fertig ist und den Mund ausspülen möchte: Konzentrieren! Mund ausspülen mit Betäubung funktioniert nicht so gut wie normalweise! Eure Hose wirds euch danken, wenn sie ohne Wasserschaden nach Hause gehen darf…

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